RÄUME AHNEN

Rosa Jaisli

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Die Bremer Bildhauerin Rosa Jaisli zeigt in ihrer retrospektiven Einzelausstellung vielfältige Ansätze plastischer Kunst. Alabasterskulpturen, Lehmgebilde, Teerpappen-Cut-outs, Stoffbündel, ein Torfhaufen, in Papier gearbeitete Schnitte und Papier als plastisches Material belegen, wie experimentell Rosa Jaisli arbeitet.

Mit großer Präzision setzt sie die spezifischen Materialqualitäten für das jeweilige Anliegen ihrer Kunstwerke ein. Sie bietet uns sinnliche Erfahrungen, die mit den haptischen Qualitäten des Materials und unseren tradierten Assoziationen einhergehen. Ein Grundmotiv der Bildhauerei wird dabei zum expliziten Thema und zu einer Erfahrung für das Publikum: die Erschließung und Öffnung von Räumen.

Auf einer modellhaften Ebene  wird dies in ihren Alabasterskulpturen deutlich, durch Raumanordnungen, die an Behausungen, an Siedlungen oder an Raumreste erinnern. Je nach Bearbeitungsgrad wirken diese wie eine archäologische Ausgrabung oder wie eine Raumumhüllung, die mit Ein- und Durchsichten geöffnet wird. Unser Blick wird durch die Semitransparenz des bearbeiteten Alabasters ins Innere gezogen. Ähnliches ereignet sich beim Blick auf ortsspezifisch gehängte Papierbahnen, die Wände zu sein scheinen. Fensterähnliche Einrisse bestätigen die Assoziation einer Wand, öffnen aber auch die Fläche in neue Räume. Es entsteht ein Bezug zum Umraum, in dem wir uns selbst bewegen.

RÄUME AHNEN ist der Titel, unter dem Rosa Jaisli ihre vielfältigen Werke in dieser Ausstellung fasst. Er ist in seiner Doppelbedeutung zu lesen, denn es geht um erahnte Räume – erahnt von der Künstlerin und von uns als Betrachtende ihrer Werke. Es geht aber auch um die Räume der Ahnen bzw. um Räume, die wie Ahnen auftreten, wie Urräume. Der Bezug zum Archaischen bedingt die scheinbar simplen bildhauerische Gesten (Schnitte in Papier, drapierte Papierbahnen, Wickelungen, grob verarbeitete Lehm-Gebilde, nur in Teilen bearbeitete Steine, die uns über den komplexen, langwierigen Bearbeitungsprozess täuschen). Es ist wie eine archaische Suche nach Grundmustern menschlichen Zusammenlebens, deren Schutzräume die Verwerfungen sozialer Strukturen wie Macht, Ungleichheit, Gewalt und Krieg beinhalten und so auch zu einem Gefängnis werden können.

Rosa Jaislis abstrahierende aber nicht abstrakte Setzungen berühren eine politische Ebene, die auch in ihrer Biografie begründet liegt. Die Künstlerin musste ihr Heimatland Chile 1975 während der Pinochet-Diktatur aus politischen Gründen verlassen. Sie hat die Restriktionen eines politischen Systems erfahren, in dem Räume immer Versteck oder Gefängnis sein können, Schutz bieten oder Verschwinden bedeuten.